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Neueste Forschungsergebnisse: 45 Prozent der Bevölkerung latent linksextrem eingestellt

Januar 18, 2011
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Während sich Politiker_innen und Medien fast schon überschlagen, gilt es den Linksextremismus als unterschätzte Gefahr für die Demokratie zu identifizieren und zu skandalisieren, halten sich viele Sozialwissenschaftler_innen bei diesem Thema vornehm zurück. An einem Versuch neben rechts- auch linksextreme Einstellungen zu erforschen arbeiten derzeit Wissenschaftler_innen im Team um Dr. Michael Edinger der Universität Jena. Zwar sind die für März 2010 versprochenen ausführlichen Forschungsergebnisse immer noch nirgends einsehbar, ein Papier mit einer Vorstellung des groben Forschungsdesigns und ersten Ergebnissen ist seit Monaten bei der Universität Jena abrufbar – und ließ die Autorin dieses Textes, die dachte in diesem Themenbereich schon viel gesehen zu haben, für Minuten fassungslos zurück.

Das Papier beginnt, wie auch die Projektvorstellung die bei den Thüringer Soziologen einzusehen ist, mit folgender Behauptung:

„Während extreme Parteien oder auch politisch motivierte Gewalttaten ein in der Forschung etabliertes Forschungsthema darstellen, sind sozialwissenschaftliche Untersuchungen über derartige Einstellungen in der Bevölkerung bislang Mangelware.“ Nun mag man von all den Veröffentlichungen denen immer wieder gelingt mit einem extrem absurden Begriffsapparat wieder und wieder zu belegen, dass „rechtsextreme Einstellungen auch in der Mitte der Gesellschaft“ vorhanden sind, halten was man will. Aber so öffentlichkeitswirksame Publikationen wie die von den Leipzigern Decker/Brähler und Co. zu ignorieren lässt erahnen, wie intensiv sich die Jenaer mit der Materie auseinandergesetzt haben. Wie auch immer –  was hier mehr interessiert ist die Aufstellung von Indikatoren, die linksextreme Einstellungen anzeigen und dem vorausgehend die Entwicklung einer Definition des Begriffs Linksextremismus.

Das Team um Dr. Michael Edinger hat nachgedacht und sich für folgende Formulierung entschieden:

Linksextremismus wird im Rahmen des Forschungsprojekts als ein Einstellungsmuster verstanden, dessen verbindendes Kennzeichen die Vorstellung von einer verabsolutierten Fundamentalgleichheit in allen Lebensbereichen ist. Dabei können die folgenden fünf Diemensionen unterschieden werden:

-sozialistische Wirtschaftordnung

-sozialistische Gesellschaftsordnung

-sozialistische Herrschaftsordnung

-Antikapitalismus

-Internationalismus

In Angstschweiß ausbrechen sollten nun diejenigen die wissen, dass von Wissenschaftler_innen erdachte Definitionen nicht selten als Stichwortgeber für die mediale Öffentlichkeit und Legitimation für staatliche Behörden dienen, vor allem wenn sie staatlich alimentiert forschen[1]. Sollte das der Fall sein, wäre nicht nur der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck und mit ihm die halbe SPD ein linksextremistisches Randphänomen. Beck gab zuletzt zur Partei-Grundsatzdebatte 2007 zum Besten, es gäbe keinen Grund, sich vom Begriff des Sozialismus zu distanzieren. Auch große Teile der Gewerkschaften, die sich den Internationalismus und kleinere Organisationen die sich (räusper räusper) den Antikapitalismus auf die Fahnen geschrieben haben, wären nun Gegenstand der Linksextremismusforschung. Ganz zu schweigen von der Riege der Sozialwissenschaftler_innen und Philosoph_innen die sich immer wieder dafür aussprechen, den Kapitalismus gegen Menschenrechte und Gerechtigkeit und so weiter einzutauschen.

Sei’s drum, Begriffsarbeit ist schwer und es scheint angezeigt differenzierter zu schauen, was die Forscher_innen in Jena zum Thema abfragten. Das haben wir getan und waren nach einer ersten Sichtung erneut kurzzeitig sprachlos. Deshalb beschränken wir uns im Folgenden maßgeblich auf eine dürftig kommentierte Dokumentation. Als Indikatoren für eine linksextreme Einstellung werden die Zustimmungen zu folgenden Aussagen benannt:

„Am besten funktioniert eine Wirtschaft, wenn sie zentral geplant und gesteuert wird.“ – ob damit auch die derzeitige Bundesregierung und ihre Berater_innen gemeint sind, die ganze Banken verstaatlichen und immer wieder massiv planend eingreifen, wenn das derzeitige Wirtschafts“system“ auf Kippe steht, ist nicht beschrieben.

„Durch radikale Umverteilung müssen soziale Unterschiede beseitigt werden.“ – ist dann die gegenteilige Ansicht „Durch radikale Ungleichverteilung müssen soziale Unterschiede forciert werden“ eine demokratische Ansicht?

„Wir sollten in Deutschland eine sozialistische Ordnung errichten.“ (als Abfrage der Dimension „sozialistische Herrschaftsordnung“) – mit welcher Definition gearbeitet wird ist auch nicht ersichtlich, hier würden potenziell Nazis, Sozialdemokrat_innen, DDR-Nostalgiker_innen, Philosph_innen, Kakadus und viele anderen zustimmen – je nach Sichtweise und Definition. Ist aber auch egal, was genau gemeint ist – ist ja nur Wissenschaft!

„Der Kapitalismus richtet die Welt zugrunde.“ (45% Zustimmung) – genau, wer sich über Umweltzerstörung, Ressourcenkriege, Hungertote, Flüchtlingsströme, Abschiebungen aufregt und diese dem derzeitigen herrschenden Wirtschaftssystem und zugehöriger Kultur zuschreibt der ist – ja? – na? Linksextremist!

„Nur ein Zusammenschluss aller Unterdrückten dieser Welt führt zu einer besseren Gesellschaft“ – sagen „Unterdrückte“ alleine ihre Meinung ist’s nicht weiter schlimm, da können die nicht viel ausrichten. Und zusammenschließen um ein gemeinsames Sprachrohr zu finden ist einmal mehr – eine linksextreme Einstellung.

Soweit. Wir warten auf den ausführlichen Forschungsbericht.


[1] Das LIREX-Forschungsprogramm wurde u.a. vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur finanziert.

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