Skip to content

Vom rechtskonservativen Ideologie-Maschinchen zum wissenschaftlichen Institut?

April 28, 2011
by

Das Hannah Arendt Institut (HAIT) in Dresden kündigte eine Neuausrichtung an. Direktor Günther Heydemann wird in den Medien mit den Worten zitiert: „Ich habe einen Richtungswechsel veranlaßt – hin zur NS-Geschichte“.

Das HAIT ist seit seiner Gründung Anfang der 1990er Jahre dafür zuständig, mit totalitarismustheoretischen Ansätzen „die beiden deutschen Diktaturen“ zu untersuchen. Es galt und gilt als politik- und geschichtswissenschaftlicher Arm der sächsischen CDU und anderer rechtskonservativer Kreise, dessen Gründungsgeschichte einiges verrät. Das HAIT wurde 1994 auf Betreiben der damals allein regierenden CDU in Sachsen gegründet.  Als Hauptziel wurde die Aufarbeitung der DDR-Diktatur beschrieben. Schon damals kritisierten Historiker wie Hans Mommsen die Gründung des Instituts vor allem wegen seiner totalitarismustheoretischen Ausrichtung. Mommsen verwies darauf, dass ein Vergleich von Diktaturen anwendbar auf Symptome, aber nicht auf ganze Systeme von Diktaturen im 20. Jahrhundert sei. In der  WELT Online wurde die Entwicklung des HAIT folgendermaßen treffend beschrieben: Das Institut zieht aufgrunud seiner Ausrichtung…

…Historiker an, denen es um die „Historisierung“ des Holocaust und die Relativierung der deutschen Schuld im Interesse eines neuen „Kulturpatriotismus“ geht. Hier ist besonders der langjährige stellvertretende Leiter Uwe Backes zu nennen, der 1990 zusammen mit Eckard Jesse und Rainer Zitelmann den Band „Schatten der Vergangenheit“ herausgab, der sich als Manifest einer „jungen Generation“ verstand, die sich laut Klappentext anschickte, mit „Tabus“ über den Nationalsozialismus aufzuräumen und mit einer „volkspädagogischen“ Geschichtsschreibung zu brechen.

Direktor Heydemann zieht nun die Konsequezen aus zahlreichen Skandalen und Skandälchen, mit denen das HAIT in den letzten Jahren immer wieder in die Schlagzeilen kam. Hier eine kleine Auswahl:

Am 60. Jahrestag des missglückten Attentats auf Adolf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller erscheint in der Frankfurter Rundschau eine gekürzte Fassung der Antrittsvorlesung des Privatdozenten und HAIT-Mitarbeiters Lothar Fritze an der TU Chemnitz. Fritze verwehrt darin dem Attentäter  Johann Georg Elser die moralisch-ethische Rechtfertigung seiner Tat.  Innerhalb der öffentlichen Diskussion gerät das HAIT, inzwischen über die Grenzen Sachsens als wissenschaftliche Einrichtung bekannt, in üblen Verdacht. Die Frage taucht auf, ob es seiner satzungsgemäßen Aufgabe – „das Andenken an die Opfer der NS-Diktatur und des SED-Regimes zu bewahren helfen“ – gerecht werde. Direktor Henke und der Wissenschaftliche Beirat raufen sich die Haare; denn nicht nur der Name des HAIT, sondern auch ihre wissenschaftliche Reputation steht auf dem Spiel…

Apropos Klaus-Dietmar Henke: der wurde Anfang 2002 vom Institut geschasst – aus politischen Gründen.  Beobachter_innen zu Folge hatte die rechtskonservative Mehrheit im Instituts-Kuratorium, die vom sächsischen CDU-Kultusminister Mathias Rößler angeführt wurde, Probleme mit Henkes Umgang mit der DDR-Vergangeheit. Dieser berief sich nämlich auf einen „differenzierenden Totalitarismusbegriff“ und sperrte sich gegen zu enge Vergleiche zwischen NS- und SED-Diktatur. Das passte dem rechtskonservativen Klüngel damals wie heute nicht in den Kram.

Richtig lustig wurde es 2007, da musste Direktor Gerhard Besier das Haus verlassen, wegen einem unterstellten unkritisch bis sympathisierenden Verhältnis zur Sekte Scientology, so der Vorwurf zahlreicher Mitarbeiter_innen des HAIT, die ein Misstrauensvotum gegen ihn organisierten. Besier beharrte darauf, nur die Religionsfreiheit zu verteidigen, wurde wenige Jahre später Mitglied der Linkspartei und sitzt heute im Sächsischen Landtag.

Als im Herbst 2010 bekannt wurde, dass der Historiker und langjährige HAIT Mitarbeiter Michael Richter jahrelang für die Stasi tätig war, gab es erneut schlechte Presse fürs Institut. Richter veröffentlichte während seiner Tätigkeit im HAIT Bücher wie „Die Staatssicherheit im letzten Jahr der DDR“ (1996). Noch mehr Fahrt nahm die Diskussion auf als klar wurde, dass die Gründer des Instituts von Beginn an über die Vergangeheit Richters informiert waren. Wir fassen zusammen: CDU_lerinnen, konservative Wissenschaftler_innen und andere selbsternannte Protodemokrat_innen und Extremistenjäger stellen wissentlich einen Mitarbeiter für das Aufgabengebiet Aufarbeitung der DDR-Geschichte an, der als Stasispitzel tätig war…

Nun will das verückte Institut seinen Schwerpunkt auf die NS-Forschung zu Sachsen legen, von einem Wechsel theoretischer Perspektiven oder ähnlichem war bislang keine Rede – wir sind gespannt, was das genau bedeutet und warten einfach auf den nächsten Skandal.

Quelle: Das Hannah Arendt Institut gehört abgeschafft, WELT Online, 30.11.2010.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.