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Die „Gefahr von links“ – Medien basteln fleißig mit

Juni 5, 2011
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Gewalt, Revolution, Widerstand, Party und Politik – Linksextremismus ist ein willkommenes Thema für Journalist_innen – lassen sich doch in diesem Themenbereich alarmierende Nachrichten generieren. Und was verkauft sich besser, als ein bisschen Angst gewürzt mit Staatsfeinden. Wenig überraschend ist: seriös ist die Berichterstattung keineswegs und Objektivität oder journalistischer Wille „hinter die Dinge zu sehen“ ist kaum zu finden. Zwei Beispiele im Folgenden.

Während explodierende Atomkraftwerke, diverse Revolutionen und Reformen, im Stich gelassene Flüchtlingsbote auf dem Mittelmeer oder schummelnde Spitzenpolitiker_innen zu den Themenbereichen zu gehören scheinen, die medial für einen gewissen Zeitraum intensiv bearbeitet werden, später aber ins Abseits der Aufmerksamkeit geraten, hält sich die Skandalnudel „linksextreme Szene“ als auch die von ihr verursachte „Gefahr von links“ seit Jahren in den Medien. Dass große Teile der Berufsgruppe Journalist_innen von allem Möglichen dominiert werden, außer vom Ideal eines kritischen, unabhängigen Journalismus ist vielen offenbar. Die Berichterstattung zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen über das Thema Linksextremismus zeigt beides: Wenn kein Skandal vorhanden, dann wird er konstruiert. Und im Zweifel immer gegen die Angeklagten.

...immer gut über alles informiert (screenshot B.Z.-webpage, 5.6.11)

...immer gut über alles informiert (screenshot B.Z.-webpage, 5.6.11)

Die Berliner Zeitung, die vor kurzem mit einer sechsteiligen Serie über die linksextreme Szene in Berlin aufwartete, präsentierte auch in der letzten Wochenendausgabe des Monats Mai eine ganze Seite zum Thema unter der Überschrift: „Der Kampf um Berlin“. Hierbei handelt es sich also keineswegs um eine Rezension des gleichnamigen Buches von Tony Le Tissier, dessen Handlung im Jahr 1945 angesiedelt ist. Vielmehr geht es um Berliner Linksextreme die sich den Autoren Andreas Kopietz und Elmar Schütze folgend, mitten in einem Kampf um die Hauptstadt zu befinden scheinen. So irreal die Assoziationen die sich mit dieser Überschrift einstellen sind, so oberflächlich, uninfomiert und skandalisierend wirkt der gesamte Beitrag. Gleich zu Beginn stellen die Autoren fest, dass auf einer Demonstration in Berlin die altbekannte Forderung: „Alles für alle – und zwar umsonst“ zu hören gewesen sei. Im Artikel heißt es dazu:

Letzteres beschreibt ganz gut, wofür die sogenannte linke Szene in Berlin im Moment steht. Für alles, besser gesagt gegen alles, was in der Konsequenz gleichbedeutend für nichts ist.

Sicherlich, als B.Z.-Journalist muss man nicht zwangläufig wissen, dass der Satz „Alles für alle – und zwar umsonst“  aus einem Teil der linken Bewegung stammt, der sich für soziale Gerechtigkeit, Teilhabemöglichkeiten für alle Mitglieder der Gesellschaft und ähnliches einsetzt. Doch selbst dieses Unwissen vorausgesetzt ließe sich mit ein bisschen Textverständnis feststellen, dass o.g. Satz mitnichten zu übersetzen ist als Parole einer Bewegung, die für alles (und damit nichts) steht. Im Artikel werden diesem kleinen Unverständnis folgend übliche Informationen über Linke weiter gegeben, ohne sich inhaltlich mit der Materie zu beschäftigen. Wir erfahren, da gibt es die Linken, die „wirklich ein Anliegen haben“ und sich gegen soziale Ungerechtigkeit, Waffenexporte oder Atomenergie, gegen Abschiebng von Flüchtlingen, gegen Nazis“ engagieren, und auch das Thema „Gentrifizierung“ wird angeschnitten. Dass genau diese Menschen von den Autoren subtil wohlwollend beschriebenen „mit Anliegen“ „Alles für alle – und zwar umsonst“ fordern, kommt den Schreiberlingen nicht in den Sinn. Stattdessen wird einmal mehr über den Zustand der Szene, Gewalttaten und Hans-Christian Ströbele als heimlich-offenen Unterstützer der Szene berichtet. Langweilig. Und auch auf das Berliner Dauerthema wird verwiesen: Kopietz/Schütze wissen zu berichten, dass 2009 in Berlin 191 Brandanschläge auf PKW politisch motiviert waren. Zu dumm nur, dass selbst die Berliner Polizeiliche Kriminalstatistik von 145 solchen Taten zu berichten weiß, von denen aber nur ca. 30 wirklich politisch zugeordnet werden konnten. Stichpunkt Skandalthema Gewalt – die Autoren entblöden sich nicht unter einer Aufzählung „Linksradikaler Gewalt“ folgendes zu vermerken:

Juni 2005: Auf die Räumung des autonomen Wohnprojektes Yorckstraße 59 in Kreuzberg reagieren 60 Ex-Bewohner mit der Besetzung des Künstlerhauses Bethanien am Mariannenplatz. Sie erhalten später Mietverträge.

Ähnlich gewalthungrig aber am Ende ungesättigt kommt die Beschreibung einer Demonstration der „so genannten linken Szene“ daher. Erstaunt geben die Autoren zu Protokoll:

Der Zug gegen den G8-Gipfel im französischen Deauville endet am Hackeschen Markt, ohne dass es zu nennenswerten Rangeleien mit der Polizei gekommen ist. Sogar der Schwarze Block an der Spitze läßt die Meile mit ihren schicken Glasfassaden hinter sich, ohne Schaden anzurichten. Die Polizei muss mit einem glimpflichen Verlauf gerechnet haben, denn sie hatte die Demonstration unbehelmt begleitet.

Die Überlegung, dass es ab und an auch daran liegen könnte, dass solche Demonstrationen ohne Ärger über die Bühne gehen, weil die Polizei unbehelmt und deeskalierend aufgetreten ist, wird in diesem Zusammenhang nicht gestellt. Auch scheint den beiden möchte-gern-Qualitätsjournalisten gar nicht der Gedanke zu kommen, was es für eine Demokratie die ihnen halbwegs freies Arbeiten gewährleistet, bedeutet, wenn bestimmte kritische politische Meinungsäußerungen zum G8-Gipfel per se behelmt zu begleiten sind. Kein Wunder – Vorfälle und Straftaten die dem linken Spektrum zugeordnet werden, sind ein willkommenes Angebot für skandalhungrige Journalist_innen, die in solchen Fällen die Pressemitteilungen ermittelnder Behörden oftmals ähnlich intensiv nachrecherchieren, wie sie es bei der Meldung zu Wahl der Waldblume des Jahres tun.

Zeitgleich zum Erscheinen o.g. Beitrags letztes Wochenende lieferte der Focus ein weiteres Beispiel für diese Art des Schreibens. In einer Meldung mit der Überschrift „BKA warnt vor linksextremistischen Anschlägen“ ist folgender Einleitungsatz zu lesen:

Das Bundeskriminalamt (BKA) rechnet mit neuen Anschlägen von Linksextremisten, bei denen auch Menschen verletzt oder getötet werden könnten.

Genau 10 Zeilen weiter unten aber wird, wiederum mit Bezug auf das Bundeskriminalamt, aufmerksamen Lesenden mitgeteilt:

Straftaten mit der „Absicht einer gezielten Tötung von Personen“ seien derzeit jedoch „eher auszuschließen“. Linksterroristische Bestrebungen seien im Moment „nicht erkennbar“.

Auch dieser kleine Artikel erschien im Nachgang des Brandanschlages auf Kabelstränge am Bahnhof Ostkreuz, der sowohl Teile des S-Bahn-Netzes als auch Internetverbindungen, Telefonmasten und die Stromversorgung in Teilen Berlins lahmlegte. Zum Brand, zu dem ein Bekennerschreiben einer Gruppe namens „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ vorliegt, äußerte sich die Chefin des Berliner Verfassungsschutzes Schmid übrigens folgendermaßen:

Diese Gruppe ist bislang nicht in Erscheinung getreten, wir wissen nicht, ob sie tatsächlich existiert.

Quellen: „Der Kampf um Berlin“ BZ 28./29.5.2011, S.3; „BKA warnt vor linksextremistischen Anschlägen“, Focus online, 29.5.2011.

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