Skip to content

Und Backes hat das letzte Wort

Januar 26, 2012
by

Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) hat Ende letzten Jahres ein Buch verlegt, dessen Titel den Wunsch der Macher_innen nahelegt, ein Standardwerk zum Thema geschaffen zu haben: „Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland.“

Als Herausgeber fungiert der Leiter des Fachbereichs „Extremismus“ bei der BpB, Ulrich Dovermann. Allein dieser Umstand kann auf die Qualität der Publikation verweisen. Dovermann hatte 2010 unter Beweis gestellt, dass sein Fachwissen zum Thema Linksextremismus eher beschränkt ist. So gab er im Interview mit Evren Güvercin auf die Frage „Bei Demonstrationen ist immer öfter die Rede vom ’schwarzen Block‘. Sind Autonome automatisch linksextrem?“ zum Besten:

Gewiss nicht, wenn man bedenkt, dass es innerhalb der Autonomenszene beispielsweise auch autonome Nationalisten gibt, die dem rechtsextremen Lager zuzuordnen sind. (…) Das Interessante an den schwarzen Blocks ist ihre Sogwirkung: Die Strategien, die Symbole und die Verhaltensweisen einer ursprünglich linken Form des Protests ist offensichtlich für andere Protestgruppen so attraktiv, dass sie sich in die schwarzen Blocks hineinbegeben, die gleichen Protestformen verwenden und vielleicht sogar über die Gleichheit der Protestform auch zu einer Gleichheit der Protestinhalte kommen.

Die Auswahl der Autor_innen repräsentiert genau das, was derzeit als halbwegs ernstzunehmende Teilnehmende am öffentlichen Diskurs zugelassen ist. Vertreten sind die Gurus der Extremismusforscherszene, Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, Vertreter eine privaten Universität, in der ein Institut für Politikwissenschaft, Sicherheitsmanagement und Sicherheitsforschung existiert, ein Angestellter der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung, verhaltene Kritiker der Extremismusformel, schließlich ein Doktorandin usw.

Den Einstieg liefert Hans-Gerd Jaschke mit Ausführungen zur Begriffsklärung und den „Ideengeschichtliche(n) Vorläufern eines linken Extremismus“. Präsentiert wird hier eine Mischung aus klassischen Extremismus- und Totalitarismusansätzen, und ganz eigenen Einordnungen und Klassifizierungen. Linksextremismus wird wie folgt definiert:

Unter Linksextremismus ließe sich die Idee der radikalen sozialen Gleichheit der Menschen unter Bedingungen einer Einparteien-Herrschaft der Arbeiterklasse und der Verstaatlichuung der Produktionsmittel verstehen.

Die Frage, die der geneigten Leserin und Autorin dieses Blog-Beitrags in den Sinn kam, nämlich wie groß er personell das Forschungsfeld einschätzt (in Sachsen hat die DKP ca. 40 Mitglieder), wird in den weiteren Ausführungen leider nicht beantwortet. Dafür ist Jaschke in der Lage, Punkte zu benennen, an denen sich Links- und Rechtsextremismus gleichen. Das sind nicht nur „Absolutheitsanspruch“, „Dogmatismus, die Unterteilung der Welt in Freund und Feind aber auch Verschwörungstheorien und Fanatismus“[1]; in seiner Verquickung von Totalitarismus- und Extremismusformeln findet Jaschke noch andere Gemeinsamkeiten. Z.B. das Führerprinzip – oder nennen wir es leadership? Zu lesen ist da tatsächlich:

Der Führer wird verehrt und mystifiziert und gilt als der messianische, charismatische und vom Schicksal ausersehene „leader“, der jeder Kritik unzugänglich ist. (…) Marx, Lenin und Mao-Tse-tung haben eine solche Funktion für die extreme Linke in Deutschland eingenommen, Hitler ist für diverse Neonazi-Zirkel weiterhin der entscheidende Fixpunkt.

Vom platten Versuch den Begriff „Führer“ durch „leader“ zu ersetzen, um die Gleichsetzung seriös wirken zu lassen, mal ganz abgesehen, scheint das auf-eine-Stufe stellen von Marx und Hitler als jeweilige „leader“-Figuren für „Extremisten von heute“ so abstrus (und fern der Realität derjenigen Gruppen, die mit den Etiketten versehen werden), das man glauben sollte, Hans-Gerd Jaschke ist seit sehr langer Zeit nicht mehr an der frischen Luft gewesen.

Diese Form von Unwissen über die so identifizierte und definierte „autonome Szene“ und andere „Linksextremisten“, die wie zahlreiche Wissenschaftler_innen um Marx-Interpretationen streiten, ihn verteufeln und verehren, mit Adorno ergänzen oder ersetzen, oder seinen Namen nicht mal buchstabieren können, zieht sich im Übrigen durch den gesamten Sammelband und wird erst zum Schluss aufgeklärt. Dort schimpft Uwe Backes nämlich über die „Explorationsverweigerung“ durch parteiferne Linksextreme. Er, wie viele andere, stellt hier einmal mehr unter Beweis, nach dem Garfieldschen Paradigma zu arbeiten: „Wissen ist Macht, nichts wissen macht auch nichts“ – die Bücher verkaufen sich und VS und Ministerien finden es spitze.

Es folgt ein weiterer ideengeschichtlicher Abriss Jaschkes, in dem klar gemacht wird, die Bismarckschen Sozialistengesetze sind

als staatlicher Beitrag zur Radikalisierung der Arbeiterschaft zu werten

und

Lenin kann als wichtigster Begründer des modernen Linksextremismus gelten

schlussendlich:

Unser ideengeschichtlicher Ansatz zeigt (…), dass (…) wesentliche inhaltliche Kriterien des linken Extremismus auch für „extreme Linke“ des 19. Jahrhunderts gelten können…

…als da wären Bekämpfung des Kapitalismus und des parlamentarischen Systems, das Streiten für Sozialismus (einschließlich militanter Organisationsformen), „die anarchistische Lust an Gewalt“ (und ihre Anwendung).

Dem Jaschkeschen Ausführungen folgt ein Beitrag von Hubert Kleinert über die Geschichte des linken Radikalismus 1945-90. Kleinert mag nicht von Linksextremismus schreiben, und seinen Favoriten – den Radikalismus – auch nicht an einer Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung festmachen. Ihm folgt Gero Neugebauer mit einem Beitrag, dessen Grundaussage ist, dass die Partei DIE LINKE und ihre Vorgänger nicht als extremistisch einzustufen sind. Mit dem Konzept der Einteilung der GEsellschaft in extrem/nicht-extrem geht Neugebauer d’accord, nur kann er eben in Gesine Lötzschs und ihrer Parteigenoss_innen

Sehnsucht nach Kommunismus als „Traum von Leben ohne Last und die Angst des Daseins“

keinen wirklichen Extremismus finden. Damit das da nicht so stehen bleibt und ein bisschen relativiert wird, setzt Herausgeber Dovermann einen Artikel von Eckhard Jesse hintendran. Er beschäftigt sich mit der gleichen Frage wie Neugebauer (ob DIE LINKE nun extremistisch ist oder nicht) und kommt – nicht überraschend – zu einem anderen Ergebnis.

Im Anschluss attestiert Armin-Pfahl-Traughber den deutschen Linksextremen weniger Antisemitismus, als das Teile der Szene selbst tun, und wartet mit Stilblüten folgender Qualität auf:

Definiert man Antisemitismus als Feindschaft gegen Juden als Juden, so lassen sich für solche Positionen keine Anhaltpunkte im anarchistischen und marxistischen Selbstverständnis finden.(…)

Und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Verfassungsschutzbehörden Antisemitismus nur dem Islam und dem Rechtsextremismus zuschreiben, so Pfahl-Traughber…

Weiteren Beiträgen zu Autonomen in Berlin, Handlungsfeldern des Linksextremismus u.a. folgt eine verzweifelter Versuch Udo Barons, etwas Intelligentes über „Linksautonome“ zu schreiben und gleichzeitig anzuerkennen, dass diese sich – ganz postmodern – im Flux befinden, ja eigentlich kaum zu greifen sind:

Neue Gruppierungen kommen und gehen; Mitglieder sind oftmals in mehren Organisationen zugleich aktiv, manchmal verschwinden sie wieder so schnell, wie sie gekommen sind. Es ist daher schwierig, eine Person oder Organisation eindeutig als den Autonomen zugehörig zu identifizieren.

Seltsame Wesen diese Autonomen. Komisch, dass das erst auf der letzten Seite des Artikels zu lesen ist, wo doch vorher Selbstverständnis, Struktur und Sozialisation u.a. dieser Geister, die sich der Exploration verweigern (siehe oben), beschrieben wurden.

Ganz zum Schluß wartet dann noch ein Schmäckerchen auf die Lesenden: ein Streitgespräch zwischen Uwe Backes (beinharter Extremismustheoretiker), Richard Stöss (möchte-gern-Kritiker der Extremismusformel), moderiert von Hans-Gerd Jaschke (dem geschätzten Theoretiker mit Schwerpunkt Marx-Hitler-leadership, siehe oben). Dort wird schön geklönt, Stöss findet, was der Verfassungsschutz mit dem Extremismuskonzept macht „durchaus angemessen“, nur in der Wissenschaft habe das nichts zu suchen und muss sich von Backes berechtigterweise vorwerfen lassen, den Extremismusbegriff zu kritisieren und zu gebrauchen. Backes führt aus, dass Anarchisten und Kommunisten (zwei Spezies die kaum ein_e Linksextremist_in von heute noch kennen dürfte) Ähnlichkeiten in der Kritik an den bestehenden Verhältnissen aufweisen und betont einmal mehr die Gefahr, die von solchen Leuten ausgeht:

ich halte es für durchaus wünschenswert, das sich Bürger – stärker als das bisher geschehen ist – vor Ort engagieren, wo linksextreme Gewalt ein Problem darstellt.

Folgerichtig wird verwiesen auf die Autobrände in Berlin. Ob Backes im Wissen darum, was er wahrscheinlich nicht wissen konnte, nämlich dass sehr viele Autos in Berlin von einem Mormonen angezündet wurden und dass den 160 Nazi-Opfern seit der Wende nochmal mind. 10 hinzugerechnet werden müssen, die geplant hingerichtet wurden, anders formuliert hätte?[2] Sicherlich nicht. Im Buch jedenfalls hat er das letzte Wort.


[1] Was übrigens alles Merkmale sind, die auch auf die Mitbegründer der Extremismustheorie zutreffen, die mit ihren gelegentlichen Verweisen auf eine Art linke Deutungshoheit in Deutschland sogar den Verschwörungstheoriepunkt bekommen…

[2] Es ist davon auszugehen, dass das Buch vor November 2011 fertig gestellt wurde.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.