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Gefährlicher Musikgeschmack

Oktober 18, 2012
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Punkrock is dead. – Oder nicht? Als jugendgefährdende “linksextremistische Hassmusik” erlebt der alte Deutschpunk mit Unterstützung von Behördenkreisen und Bildungsspießern jedenfalls ein kleines Comeback.

Bis der brandenburgische Innenminister Dietmar Woidke (SPD) auf die Dödelhaie aufmerksam wurde, konnte die Band über zwanzig Jahre lang unbehelligt Lieder wie „Radieschen auf Frischkäse“, „Gerechtigkeit“ und das „Molli Lied“ auf Platten verkaufen und bei Konzerten spielen. Dann entschied der Minister „Solche Bands haben in Brandenburg nichts verloren“ und ließ ein Konzert in der brandenburgischen Stadt Dahme abblasen. Die Jugend hätte dort gegenüber rechtem Gedankengut „Gesicht zeigen“ sollen. Anlässe dazu, gibt zwischen Fläming und Lausitz genug. Die NPD-Ortsgruppe „Dahmeland“ hat sich gegründet und sogar der Verfassungsschutz listet viermal mehr gefährliche rechte als linke Bands.

Bei linker „Hassmusik“ muss der Verfassungsschutz sogar auf ihm verdächtige Musiker aus anderen Bundesländern zurückgreifen, die Dödelhaie aus NRW. „Die Band ist sogar stolz darauf“, im Verfassungsschutzbericht Brandenburg gelistet zu werden, mukierte Ingo Decker, Sprecher des brandenburgischen Innenministeriums.

Das LKA wurde ebenfalls eingeschaltet, das bei Prüfstelle für jugendgefährdende Medien die Indexierung der genannten Titel anregte. Ein notorischer Vorgang bei den brandenburgischen Behörden im Umgang mit linken Bands – mit fatalen Folgen. Die Gruppe „Krachakne“ aus Neuruppin hat sich im Zuge des gegen sie eingeleiteten Strafverfahrens aufgelöst. Auch „DieVisitor“ sind laut Beobachtungen des Verfassungsschutzes kaum noch aktiv, ebenfalls auf Anregung des brandenburgischen Landeskriminalamtes wurden einige Lieder dieser Bands bei der Prüfstelle für jugendgefährdende Medien indexiert. Außerdem läuft an selber Stelle derzeit ein Prüfverfahren für einige Lieder von „Slime“ und auch das ist dem LKA zu verdanken, wie es im aktuellen VS-Bericht Brandenburg heisst.

„Hass-Musiker“ unterlägen dem „Irrglauben“, sie könnten sich mit Ihren politisch motivierten Gewaltaufrufen auf die Kunst- und Meinungsfreiheit berufen, heißt es in dem Bericht. Darüber entscheidet letztlich die Prüfstelle für jugendgefährdende Medien. Offenbar mit System, wie die Erfahrung zeigt. Denn wenn es zu einer Prüfung durch die Behörde kommt, erhalten die Urheber des möglicherweise „jugendgefährdenden“ Kunststücks eine Einladung zu einem Anhörungstermin vor einer Kommission aus Vertretern der Jungendhilfe, des Buchhandels, der Kunst und Literatur, den Kirchen, jüdischen Gemeinden, Länderbeisitzern und Lehrern.

Die Entscheidung fällt für potentielle Jugengefährder oft dann positiv aus, wenn sie diese Einladung annehmen. Ein Erfahrungsbericht der Dödelhaie:

Erste positive Überraschung: Der Song „Gerechtigkeit“ wurde schon 10 Minuten vor der eigentlichen Sitzung aus der Indizierungsliste herausgenommen. Dann würde der erste Track gespielt: „Radieschen auf Frischkäse“. Wurde sich von der Komission mit, sagen wir mal, neutraler Miene angehört. Andy drehte auf und gab seine „Tick, Trick & Track vom Fähnlein Fieselschweif“ Story von den Livekonzerten zum besten. Die ersten Leute mussten schmunzeln. Danach das „Molli Lied“. Die Stimmung wurde „launig“ und die ersten Vertreter der BpjM konnten sich bei den ersten Klängen des Sesamstrasse-Songs ein Lachen nicht verkneifen. Scherzchen wurden gemacht, die Stimmung war gut. Noch ein bisschen Geplänkel und dann mussten wir den Sitzungssaal verlassen und die Kommission zog sich zur Beratung zurück. Keine fünf Minuten später war die Entscheidung auch schon gefallen: Die BpjM hat NICHTS gefunden, was eine Indizierung rechtfertigen würde (Kommentar aus dem Saarland „…und wir haben echt gesucht“). Die HAIE sind KUNST und in keinster Weise jugendgefährdend!
Abschließender Kommentar der Vorsitzenden Elke Monssen-Engberding, leicht säuerlich: ‚Die Frage die bleibt ist nur, warum sind diese CDs überhaupt zur Indizierung vorgeschlagen worden?‘

Für Woidke ist dieses Ergebnis sicherlich“zum heulen“ und für die Dödelhaie war der Auftritt bestimmt ganz lustig. Aber will man wirklich von einer Zensurbehörde als künstlerisch und satirisch, also harmlos und nicht jugendgefährdend eigestuft werden? So richtig Punkrock ist das womöglich nicht. Den Betroffenen spart es jedenfalls Ärger.

„Die Kassierer“ haben es auch gemacht, mehrere Lieder sollten in der Vergangenheit indexiert werden, auch ihr Auftritt hat die Kommission von ihrem künstlerischen Anliegen überzeugt. Über „Pestpocken“ und „Slime“ wurde in Abwesenheit der Bandmitglieder entscheiden und sie sind auf dem Index gelandet.

1980 veröffentlichte die Punkband Slime ihren Hit „Bullenschweine“, im Mai 2011 landen verschiedene Varianten auf den Index gesetzt. „Die Bundesprüfstelle kommt zu dem Ergebnis, dass der Kunstgehalt der Lieder als gering einzustufen ist. Demgegenüber sind die Belange des Jugendschutzes als hoch anzusiedeln, da dazu aufgefordert wird, Menschen (Bullen) zu töten, mit der Folge, dass dem Jugendschutz Vorrang vor dem Kunstschutz einzuräumen war.“ erklärte die Bundesprüfstellenleiterin Monssen-Engberding in diesem Fall gegenüber dem Magazin RollingStone.

„Brenn Bulle brenn, brenn, brenn Bulle brenn!“ singen die Dödelhaie in „Gerechtigkeit“ und das ist Kunst, findet die Zensurbehörde. Das Schäferhunde- und das Geschwisterliebe-Lied der Ärzte aber wiederum nicht. Die Prüfstelle für jugendgefährdende Medien ist eben launisch. Und das Interesse am Bundesanzeiger-Rundbrief, der regelmäßig die Neuzugänge auf der Schwarzen Liste vermeldet, in der Regel gering.

Die Band WIZO erregte 1995 wegen „Kein Gerede“ nach Meinung deutscher Behörden unangenehme Aufmerksamkeit und wurde indexiert. Im Oktober 2010 lief ein Konzertmitschnitt von „Kein Gerede“ trotzdem im WDR3-Fernsehen.

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