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Deutsche Normahlität

März 2, 2013
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Ende Januar fand bei der Punkband Normahl in Baden-Würtemberg eine Razzia statt. Vorgeworfen wurde der Band gleichzeitig „linksextrem“ und rassistisch zu sein. Eine Posse, die in Sachsen ihren Anfang nahm.

1983 veröffentlichte eine der heute dienstältesten Punkbands der Republik die Songs „Bullenschweine“ und „Pflasterstein flieg“. Und da Polizeibehörden wenn es gegen Linksextremisten geht, nicht nur hoch motiviert sondern auch ein wenig nachtragend sind, bekamen die Musiker von Normahl die Rechnung für diesen Affront nun drei Jahrzehnte später. Am 31.1. fand in Winnenden und Umgebung eine Großrazzia statt, bei der Computer, Tonträger und anderes Material sicher gestellt wurden. Heute leitet der 47jährige Bandleader Lars Besa einen Sanitärbetrieb („Traditionell solides Handwerk und ständige Innovationen sind die Herausforderungen an den modernen Haustechniker“ sagt seine Internetseite) und die Combo tritt nur noch sporadisch auf. Wie also kommt es, dass im Jahr 2013 mit solch rigiden Maßnahmen gegen die Musiker vorgegangen wird?

Die Geschichte beginnt in Sachsen. Während 2011 der NSU und sein Unterstützungsumfeld agieren, beobachtet das LKA Sachsen den Jugendclub in Callenbach, einer kleinen sächsischen Gemeinde, die sich nur 30 km entfernt von Zwickau befindet. Den Beamten fällt auf, dass in besagtem Club die Band Normahl auf dem Spielplan steht, recherchiert deren Geschichte und Liedtexte, stellt fest, dass diese nicht immer vom Grundrecht auf freie Meinungsänderung gedeckt sind, und übergibt den Fall der Staatsanwaltschaft Dresden. Und dann passiert was in anderen Fällen unmöglich scheint, es wird länderübergreifend zusammengearbeitet. Im Herbst 2011 übernimmt die Staatsanwaltschaft Stuttgart den Fall und fügt den Vorwürfen der Sachsen einen weiteren hinzu: „Aufstachelung zum Rassenhass“. Absurd? Ein Spass der Behörde? Keineswegs. Zwar ist die Geschichte der Band leicht im Internet zu recherchieren und man stößt unweigerlich auf winzige, kleine, subtile Hinweise, die den Beamten hätte zeigen können, dass die von den Sachsen als solche identifizierte Linksextemisten nicht gleichzeitig auch noch Rechtsextremisten sind. Jedoch ist den Ermittlern anscheinend irgendwie durchgerutscht, dass Punker nur in Ausnahmefällen rassistisch sind, dass Lars Besa zu den Initiatoren der 1992 gegründeten Kampagne „Kein Hass im wilden Süden“ gehört, dass der stern ihm für seinen Einsatz gegen Rassismus seinerzeit den „Stern der Woche“ verlieh, dass die Band neben Combos wie Pur und den Fantastischen Vier vor 40.000 Menschen in Stuttgart eben wegen jenes Themas aufgetreten ist, in den letzten Jahren den Musikwettbewerb „Mach dein Ding gegen Rechts“ unterstütze – kurz: dass die Musiker für ordentliche Punker eher staatstragend agierten.

Die Stuttgarter Beamten hatten, das klärte das BKA später auf, in eine Datenbank zum Rechtsextremismus den Songtitel „Bullenschweine“ eingegeben und waren bei mehreren Nazi-Bands gelandet. Mit der Erkenntnis, dass es sich hier also um Rassisten handeln musste, wurden dann die Ermittlungen ausgeweitet. So jedenfalls ist die Geschichte zu interpretieren. Es sei denn, die Damen und Herren Beamten gehen mittlerweile davon aus, dass Polizisten eine „Rasse“ oder mindestens eine unterdrückte, benachteiligte und diskriminierte Minderheit sind und deshalb Texte, die mit „Bullenschweine“ überschrieben und sich gegen die Behörde richten nun auch als rassistisch einzustufen sind…wer weiß.

Weitere Berichterstattung zum Thema im stern und in der taz.

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