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Ungute Dynamiken

März 13, 2013
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Der Berliner Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ e.V. ist einer der Nutznießer des Anti-Linkextremismus-Programms der Bundesregierung. Mit Mitteln der „Initiative Demokratie stärken“ des Bundesfamilienministeriums wird an der „Entwicklung systemisch-lösungsorientierter und online-basierter Ansätze im Themenfeld Linksextremismus“ gearbeitet.

Was das bedeutet ist auf der zugehörigen Webseite nachzulesen. Dort erfährt man, dass der Verein eine Online Beratung gegen Rechtsextremismus betreibt, bei der via Chat und Email Ratschläge in Problemfällen gegeben werden sollen.

Bildschirmfoto 2013-03-13 um 20.41.07Weil Extremisten gleich Extremisten sind und weil Frau Schröder so viel Geld für sowas hat, wird dieses Konzept nun auf den Linksextremismus angewendet. Im O-Ton wird das so beschrieben:

Die Erfahrungen und Kenntnisse im Themenfeld Rechtsextremismus sind die Folie vor der neue Erkenntnisse im Themenfeld Linksextremismus gewonnen werden sollen.

Um nicht so schlecht dazustehen, falls jemand auf die Idee kommt, nach politischen Inhalten oder gar einer Linksextremismus-Definition zu fragen, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins die Parameter der eigenen Arbeit festgelegt und veröffentlicht. Da wird der…

Extremismus neben seiner politischen Dimension zunächst vor allem als  Symptom eines problematischen soziokulturellen Systems betrachtet.

Was ein problematisches soziokulturelles System ist bleibt im Begriffsnebel der Projektbeschreibung verborgen. Dafür wird benannt, was die systemische Perspektive ausmacht, mit der die mitarbeitenden Damen und Herren an die Problematik herangehen:

Die systemische Perspektive kann grundsätzlich auf verschiedene Ebenen menschlicher Gemeinschaftsbildung angewandt werden, auf (Makro) Systeme wie Nationen oder Bundesländer ebenso wie auf kleinere Meso- und Mikrosysteme (z.B. Gemeinde, Schule, Familie). Sie interessiert sich für das Zusammenspiel der jeweiligen Systemmitglieder (seien dies Institutionen, Gruppen oder Einzelpersonen) sowie für die Rahmenbedingungen, welche dieses Zusammenspiel beeinflussen. Dieses Zusammenspiel kann unter ungünstigen Voraussetzungen eine ungute Dynamik annehmen, die sich immer wieder reproduziert.

Verstanden? Ich hatte so meine Probleme. Deshalb für unsere Leser und Leserinnen der Versuch einer Zusammenfassung des eben Gesagten: alles was so rundrum passiert beeinflusst so Leute, und führt gegebenenfalls zu unguten Dynamiken. So wie z.B., dass Leute anderen Leuten die nicht so ins mehrheits-deutsch-weiß reinpassen wie die zuerst genannten auf die Fresse hauen oder eben gleich gezielt töten, wenn man ihrer habhaft wird. Und gaaanz ähnlich nur andersherum in der entgegengesetzen Extremismussphäre: Dass so Leute auf die Strasse gehen und sagen, die Griechenlandpolitik produziert Armut und der Staat sollte sozialer werden und Nazis sind Scheiße. Oder so.

Weit weniger Kauderwelsch enthält die Erklärung zum Begriff lösungsorientiert im systemisch-lösungsorientierten Beratungsansatz. Dort werden konkrete Auswege aus den unguten Dynamiken aufgetan.

Einen Ausweg aus diesen Dynamiken wird gewöhnlich nur durch die Einflussnahme Außenstehender gefunden, die einen anderen Blickwinkel auf das Geschehen haben sowie positive Absichten und Ressourcen erkennen und aktivieren helfen.

Klingt tatsächlich ganz gut. Jedoch, ob die Mitarbeitenden des Projektes beim Thema Rechtsextremismus mit Hinblick auf das eigens identifizierte Makro-System deutsche Nation und seine Behörden demnächst als außenstehenden Dritten den UNO-Sicherheitsrat oder gleich die früheren Alliierten um aktivierende Hilfe mit positiven Absichten bittet, bleibt abzuwarten.

Doch zurück zum „problematischen soziokulturellen System“ aus dem all die Extremisten zu sprießen scheinen. Im Fall von Linken haben die „Gegen Vergessen – für Demokratie“-Vereinsheinis offensichtlich eine vage Vorstellung, wie dieses Beschaffen sein könnte. Jüngst fragten sie sich nämlich durch die Leipziger Initiativ- und Uni-Landschaft, um zum Thema Gentrifizierung zu recherchieren. Was das mit ihrem Projekt zu tun hat wurde in den Interviewanfragen nicht erläutert.

Empfänger der Anfrage berichteten:

In den letzten Tagen versuchen MitarbeiterInnen des Berliner Vereins “Gegen Vergessen – für Demokratie e.V.” relativ verklausuliert wissenschaftliche Interviews (…) zu führen. Unter anderem wurden auch wir angefragt, uns im Rahmen eines Leitfadeninterviews zu “Themen und Konflikten, die in alternativen Lebenskreisen eine Rolle spielen” zu äußern. U.a. geht es um Fragen zum Thema “Gentrifizierung in Connewitz”. (Siehe Blog-Eintrag von Andrej Holm zum Thema)

Ein anderes Projekt des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokratie"

Ein anderes Projekt des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“.

So also scheinen die „sozialkulturellen Systeme“ gebastelt zu werden. Da wo Gentrifizierung zum Thema wird, da ist der Linksextremismus nicht weit. Zwar war es meist Granit, auf was die Berliner von „Gegen Vergessen-für Demokratie e.V.“ in Leipzig bissen, denn irgendwie waren die angefragten Projekte, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht so dolle gesprächig. Das wird die Demokratiekämpfer jedoch nicht davon abhalten, irgendwann Projektergebnisse zu präsentieren. Wir jedenfalls sind gespannt aufs Online Portal gegen Linksextremismus bei dem man dann anonym und unverbindlich in Problemfällen beraten wird.

Allen die sich intensiver mit den Beratungsangeboten beschäftigen wollen sei jedoch ans Herz gelegt, sich die Nutzungsbedingungen genauer anzusehen. Zwar werden die Daten ihrer IP – Adresse nur kurzfristig gespeichert dann später aber vielleicht auch mal an eine Forschungseinrichtung weitergegeben:

Bei jedem Zugriff auf unser Internetangebot werden Daten für statistische Zwecke gespeichert. Wir erfassen hier lediglich für eine begrenzte Zeit die IP-Adresse, die Ihnen Ihr Internet Service Provider zugewiesen hat, Datum, Uhrzeit und Dauer Ihres Besuchs sowie die Seiten, die Sie bei uns aufrufen. Diese Daten können im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung ebenfalls an eine Forschungseinrichtung zur Auswertung weitergegeben geben.

Na dann, viel Spass!

Alle Zitate, soweit nicht anders ausgewiesen, von der Webseite des Vereins Gegen Vergessen – für Demokratie zu finden.

Mit Frank Brunners „Extrem undurchsichtig“ findet sich ein informativer Beitrag über staatlich finanzierte unsinnige Extremismuspräventionprojekte in der Kontext:Wochenzeitung vom 26.3.2013.

Eine Aktualisierung des Artikels findet sich unter unter der Überschrift Nachtrag: Ungute Dynamiken am 8.4.2013

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